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Volle Kraft voraus

Radfahren ist für Karl Auinger Leidenschaft – und Therapie. Auf Tabletten und Insulin kann er schon längst verzichten


Eine Schulung gab den Ausschlag für die Wandlung Karl Auingers zum Radsportfan

Karl Auingers Karriere als Hobbysportler begann im Keller. Und zwar im Keller des Landeskrankenhauses Schärding. Dort hatte der frisch diagnostizierte Typ-2-Diabetiker gerade in einer Schulung gelernt, dass Bewegung den Blutzuckerspiegel senkt. Auinger machte die Probe aufs Exempel: "Sechs Stockwerke rauf und wieder runter, vom Keller bis ins Dachgeschoss, das Ganze zweimal hintereinander", erinnert sich der 62-Jährige.

Vorher und hinterher kontrollierte er seinen Blutzucker. Der war nach der schweißtreibenden Tour durchs Treppenhaus tatsächlich deutlich gesunken. Für Auinger war jetzt klar, wie er seinen Diabetes in den Griff bekommen würde. Er machte einen Deal mit seinem Arzt: Er würde kein Insulin spritzen, sondern Tabletten nehmen. Dafür versprach er abzunehmen und mindestens dreimal pro Woche Sport zu treiben.

Fünf Monate später, 30 Kilo weniger



Unterwegs im Renndress: Der 62-jährige beim "Race around Austria"

Fünf Monate später war Karl Auinger 30 Kilo leichter. Und hatte eine neue Leidenschaft: Radfahren. "Anfangs radelte ich am Inn entlang. Und war schon froh, wenn ich sechs Kilometer am Stück durchgehalten hatte", sagt er. Doch die Motivation blieb: Seine Blutzuckerwerte besserten sich kontinuierlich. Schließlich konnte er die Diabetes-Tabletten sogar weglassen.

Aus den anfänglichen Spazierfahrten wurden ausgedehntere Touren. 2009, fünf Jahre nach der Diagnose seines Diabetes, stellte sich Karl Auinger dann einem ganz besonderen Härtetest: dem Jakobsweg. Nicht zu Fuß, sondern natürlich mit dem Fahrrad. 3000 Kilometer vom österreichischen Schärding nach Santiago de Compostela, durch die schweizerischen und französischen Alpen und die spanischen Pyrenäen, in glühender Sommerhitze und mit 30 Kilogramm Gepäck auf dem Rad.

30.000 Höhenmeter sind zu bewältigen



Die vier Radler und ihr Begleitteam

Fast sechs Wochen war er unterwegs. Eine Zeit, die ihn an seine persönlichen Grenzen führte, aber auch unvergessliche Eindrücke hinterließ. Und die ihm Mut machte, sich einer noch größeren Herausforderung zu stellen: dem "Race around Austria". Dieses Radrennen, das jährlich im August einmal rund um Österreich führt, gilt mit etwa 2.200 Kilometern Länge und insgesamt 30.000 Höhenmetern als härtestes seiner Art in Europa.

"Als ich dem Wirt meines Stammlokals erzählte, was ich vorhatte, hat der sich bloß an den Kopf gegriffen und mich gefragt, ob ich eigentlich noch ganz normal bin", erzählt Karl Auinger. "Und da war er nicht der Einzige." Doch irre machen ließ er sich nicht. Auch wenn er heute zugibt, dass ihm sein eigener Mut manchmal unheimlich wurde: "Schließlich war ich bloß ein Hobbyradler, über 60 Jahre alt, mit Diabetes und Bluthochdruck."

Vier Tage lang nur radfahren, essen, schlafen



Karl Auinger beim Start zum "Race around Austria" in Schärding

Da das Rennen in Viererteams ausgetragen wird, musste sich Karl Auinger drei Mitstreiter suchen. "Die waren schnell gefunden", sagt er, "und genauso schnell haben sie einen Rückzieher gemacht, als ihnen klar wurde, auf was sie sich da einlassen." Doch schließlich war die kleine Gruppe komplett. Als Begleitteam rekrutierte Auinger kurzerhand Freunde und Bekannte, von denen einige extra Urlaub nahmen.

Das hochgesteckte Ziel des Teams: die Strecke in vier Tagen schaffen. Dazu fuhren jeweils zwei Radler abwechselnd eine Stunde, insgesamt sechs Stunden lang. Danach kamen die anderen zwei dran. Dazwischen mussten die Fahrer essen, schlafen und an den Ort ihres nächsten Einsatzes transportiert werden.

Pläne für das nächste Jahr



Die regelmäßige Pflege des Sportgeräts ist unverzichtbar

Dafür hatte Auinger eigens ein Wohnmobil organisiert. Und natürlich ein "Pace Car": ein Begleitauto, das immer hinter den Radlern herfuhr, über Lautsprecher Routenanweisungen gab und nachts im Scheinwerferlicht den Wechsel im Team ermöglichte. Drei Tage und sechzehn Stunden nach dem Startschuss rollten die vier schließlich wieder in Schärding ein – ohne Pannen, das gesteckte Ziel hatten sie sogar um etliche Stunden unterboten.

Auinger trägt sich inzwischen mit dem Plan einer Neuauflage im nächsten Jahr. Denn vom Radfahren will er nicht lassen. Nicht nur, weil er sich ein Leben ohne seinen Lieblingssport gar nicht mehr vorstellen kann. "Wenn ich mal eine Woche nicht aktiv bin, werden meine Zuckerwerte sofort schlechter", sagt er. Und schwingt sich wieder in den Sattel.



Dr. Sabine Haaß / Diabetes Ratgeber; 07.02.2012, aktualisiert am 17.02.2012
Bildnachweis: W&B/Wolf Heider-Sawall

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